Island 2019 Teil 1: Reykjavík, Golden Circle, Hochlandluft

Tipp: ganz unten ist eine Karte auf der die Etappen ausgewählt und verfolgt werden können

Düsseldorf, 14.07.2019 – Vermutlich sah es ganz amüsant aus, wie der kleine Mann wie eine Schildkröte mit einer 80l Reisetasche auf dem Rücken, einem sperrigen Rucksack auf dem Bauch, einer Laptoptasche und einem Rollkoffer durch die Abflughalle des Flughafens marschierte. Der aufmerksame Beobachter konnte ihm aber die Dame auf Krücken zuordnen und deduzieren: Das ist Gepäck für Zwei.

Darin befand sich alles, was man für zweieinhalb Wochen Camping auf Island benötigt: Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Kocher, Kochgeschirr, Kameraausrüstung… Und Kleidung für Temperaturen zwischen -5 und +30° Celsius. Sogar Campingstühle haben es ins Gepäck geschafft – der Luxus, nicht auf dem Boden sitzen zu müssen, wird offenbar umso größer wenn man ein Bein in Gips hat.

Als wir uns dann mit unseren drei Mitreisenden trafen war das verrückte Reisegrüppchen perfekt: Lutz, Lutz S. und Nicolas, alle drei in Sportbekleidung, ihr Gepäck bestand aus zusammengeschnürten Fahrradtaschen und jeweils einem riesigen Karton, welcher – auch hier konnte man deduzieren – je ein Fahrrad enthielt. Leider sollte unsere Reise ja nicht so stattfinden wie ursprünglich geplant, das sollte der Vorfreude nun jedoch keinen Abbruch mehr tun. Zunächst ging es per Inlandsflug nach Hamburg, wo fast vier Stunden Aufenthalt auf uns warteten.

Dort pünktlich angekommen erreichte den zweirädrigen Teil unserer Gruppe die erste Hiobsbotschaft:
Lutz S. wurde von seinem Bruder zum Flughafen gebracht. Dieser schickte nun eine Nachricht die etwa lautete „ich hab hier son komisches Teil gefunden, brauchst du das?“. Das Angehängte Bild schaffte schnell Klarheit: Die Platte des Lenkervorbaus seines Fahrrads. Ja, die brauchte er. Definitiv. Das war nun aber leider keine Hilfe mehr, da es keine Möglichkeit gab diese in weniger als drei Stunden aus dem Ruhrgebiet in den Sicherheitsbereich des Hamburger Flughafens zu befördern. Es musste also in Island eine neue beschafft werden.

Es fiel also schnell die Entscheidung, dass wir den Aufenthalt in Reykjavik auf mindestens zwei Nächte ausdehnen. Uns kam das eigentlich gelegen – der Flug sollte planmäßig um 23:55 in Keflavík landen, sodass nicht damit zu rechnen war dass wir vor 03:00 Uhr in Reykjavík unser Schlafgemach errichtet haben. Dann konnten wir den ersten Tag zum Akklimatisieren in Reykjavík mit Stadtrundgang verbringen. Der Flug landete dann tatsächlich pünktlich und unsere Reise sollte beginnen.

Tag 1: Reykjavík

Bereits am Kofferband erkannte ich: Hier bin ich richtig! Ein riesengroßer Plüsch-Papageientaucher, auf Island meist „Puffin“ genannt, schaute kopfüber aus der Decke in den Raum. Als bekennender Vogelliebhaber hatte ich mir als Ziel gesetzt: Ich will ein tolles Foto von einem Puffin, vorher fahre ich nicht heim. Nun, dieser zählt nicht, aber es war ein Anfang:

Der erste Puffin!

Der Mietwagenanbieter bei dem wir den Wagen gemietet hatten lag etwa 500m außerhalb des Flughafengeländes. Kein weiter Marsch, aber mit dem Gepäck und gebrochenem Bein dann doch unkomfortabel. Mein Plan, kurz den Wagen in Empfang zu nehmen und Nana dann im Eingangsbereich abzuholen ging jedoch nicht ganz auf. Beim Mietwagenanbieter musste ich eine Nummer ziehen und nach kurzem Beobachten des Vorgangs war schnell klar: Hier bin ich nicht in zehn Minuten wieder raus. Das lag allerdings nicht am Anbieter, das Personal war sehr bemüht alles schnellstmöglich abzuwickeln, man nahm sich jedoch für jeden Kunden Zeit alles nochmal zu erklären und die Fahrzeuge zu inspizieren, diese Gründlichkeit braucht nunmal ihre Zeit – und in Island hat man es einfach nicht eilig.

Ich hab mich also dazu entschieden nochmal zum Flughafen zu marschieren (Meine Nummer und damit meinem Platz in der Schlange hatte ich ja nun) und Nana doch zu Fuß abzuholen, damit sie nicht stundenlang allein in dem kalt-windigen Wetter steht. Also nochmal im Schildkrötenmodus zurück. Ich denke es hat etwa noch eine Dreiviertelstunde gedauert, da hatten wir unseren Wagen. Den Jimny, das neue Modell. Gerade 9000km gelaufen und in perfektem Zustand. Das Warten hat sich also gelohnt.

Für die etwa 50km bis zum Campingplatz Reykjavík haben wir dann etwa eine weitere Dreiviertelstunde gebraucht. Die Straße zwischen Keflavík und Reykjavík ist fabelhaft ausgebaut – kein Wunder, gibt es doch kaum jemanden der auf die Insel reist und diese nicht befährt.

Achja, die Radfahrer? Die haben den Bus genommen. Kein schönes Erlebnis mit den sperrigen Kartons, allerdings kamen sie nicht viel später als wir am Campingplatz an. Wir haben dann noch gemeinsam die Zelte aufgebaut, die Fahrräder montiert – hier hatte sich bei Lutz irgendwas von der Achse gelöst und wir verbrachten noch eine geraume Zeit damit ein kleines Schräubchen in den Tiefen des Kartons zu suchen um es dann abzuschreiben – und sind anschließend ziemlich fertig ins Bett gefallen. Es wird wohl etwa halb vier gewesen sein – so richtig Zeitgefühl hat man bei dieser immer währenden Helligkeit jedoch nicht.

Das führte auch dazu, dass wir schon gegen 8 Uhr wieder auf den Beinen waren. Das wetter war grau aber trocken. Den ersten Kaffee habe ich an der Rezeption gekauft, als ich die Übernachtungen bezahlt habe. Eigentlich zahlt man diese immer im Voraus, bei unserer Ankunft war die Rezeption aber natürlich nicht mehr besetzt. Der Platz ist weder besonders schön noch landschaftlich besonders toll gelegen, dafür ist er mit 2400ISK (etwa 17,50€) pro Person und Nacht einer der teuersten. Das liegt vermutlich daran, dass er Station quasi eines jeden Campingreisenden in Island ist. Und auch ich würde eine eine Übernachtung dort trotzdem empfehlen: Die Anbindung an die Innenstadt ist mit allen Verkehrsmitteln super, selbst zu Fuß sind es nur etwa dreieinhalb Kilometer. Nur etwa 500m Fußmarsch sind es zur nächsten Einkaufsmöglichkeit: einem kleinen Supermarkt und einem Bäcker. Außerdem hat der Platz ein Regal, in welches man vor seiner Abreise nicht benötigten Ballast loswerden kann, der vielleicht anderen Reisenden noch hilft. Insbesondere Brennstoff wird hier abgegeben, da dieser nicht mit ins Flugzeug genommen werden kann (dass das wirklich so ist hat Lutz auf dem Rückflug versehentlich ausprobiert 🙂 ), was uns zugute kam, da wir ja aus demselben Grund noch keinen Brennstoff für unseren Kocher hatten. Ich koche zwar aus verschiedenen Gründen bevorzugt mit Benzin, mit Gaskartuschen kann unser MSR Whisperlite Universal jedoch auch umgehen, und davon gab es dort genug. Wir haben uns also eine der volleren Kartuschen genommen und hatten zumindest schon mal Brennstoff.

Fürs Frühstück nahmen wir dann die 500m Fußmarsch zum Supermarkt auf uns (naja, für mich war es keine Herausforderung, Nana musste sie jedoch auf Krücken bewältigen) und haben etwas eingekauft.

Baconfrühstück am ersten Morgen

Anschließend machten wir uns mit dem Auto auf den Weg nach Reykjavík um die Stadt zu erkunden, während die Radfahrer sich auf die Suche nach Ersatzteilen machten (nun benötigten ja schon zwei von drei Rädern eines).

Meine persönliche Meinung zu Reykjavík: Eher durchschnittlich. Eine schöne Stadt, die einen Besuch lohnt, jedoch benötigt man nicht allzu viel Zeit dort. Sie ist in meinen Augen eine typische kleine europäische Hauptstadt mit netten Menschen und einigen schönen Gebäuden, allerdings geht dadurch, dass sie so geschäftig und sehr touristisch ist, das verloren, was ich mir so sehr von Island erhofft hatte:
Ruhe, Einsamkeit und Einzigartigkeit. Auf dem Rest der Reise sollten wir dahingehend jedoch voll auf unsere Kosten kommen!

Am Nachmittag trafen wir uns nochmal mit der ganzen Reisegruppe im Kaffeehaus – eine Einrichtung die man in Island unbedingt besuchen muss. Das Ende des ersten Tages ließen wir anschließend im Schwimmbad Laugardalslaug ausklingen, welches sich quasi unmittelbar neben dem Campingplatz befindet und für 1060ISK (knapp 8€) pro Person mit seiner reichen Auswahl an Pools, Hotpots und Dampfbädern einen Vorgeschmack auf die isländische Badekultur bietet.

Vor dem Schwimmbad kamen wir auch das erste Mal vor Ort in den Genuss des inoffiziellen isländischen Nationalgerichts: Hotdogs! Ohne viel Schnickschnack, ein leckeres Bockwürstchen im weichen Brötchen, lecker und bezahlbar. Es sollte nicht das Letzte sein…

Tag 2: Roadtrip gen Osten

Am Morgen des nächsten Tages sammelten wir uns nach einer ruhigen Nacht vor unseren Zelten. Es war klar, dass sich unsere Wege heute auf unbestimmte Zeit trennen sollten, die Radfahrer machten sich mit dem Bus auf in Richtung Osten, um von Hvolsvöllur nach Norden in Richtung Hochland zu radeln. Wir wollten zwar fern der Touristenrouten bleiben, manche Highlights darf man sich jedoch nicht entgehen lassen. Wir machten uns also auf in Richtung Geysir. Jedoch starteten wir etwas unkonventionell und nahmen nicht die klassische „Golden Circle“ Runde über die 36, sondern fuhren zunächst von der 49 nach Südosten auf die 1 (die Ringstraße) und bogen dann nach etwa 6,5km nach Norden auf die 435 ab. Diese zieht sich durch eine zauberhafte Landschaft und mündet nach ca. 25km in der 360, auf welche wir nach links richtung Norden abbogen. Nach zehn weiteren Kilometern entlang des Westufers des Þingvallavatn bogen wir nach rechts auf die 36 ab und befanden uns nun, ohne es zu diesem Zeitpunkt zu wissen, auf dem klassischen Golden Circle. Nach zehn Kilometern verließen wir ihn wieder nach rechts auf die 361 die nach neun Kilometern wieder in die 36 mündet und sparten uns so ein kleines Stück Hauptroute. Auf Openstreetmap endet die 361 derzeit kurz vor der 36. Das ist offenbar ein Fehler, ich werde das nochmal prüfen und ggf. korrigieren.
Nach etwa vier Kilometern verließen wir die 36 nach links auf die 365 richtung Osten. Nach 12km verlassen wir den Kreisverkehr an der zweiten Ausfahrt nach Nordosten auf die 37, die nach 23 weiteren km zur 35 wird, auf welcher man nach fünf Kilometern den Geysir erreicht.

Der Golden Circle

Bis hierhin haben wir etwa 107km zurückgelegt. Während wird auf dem ersten Drittel quasi allein waren in einer wundeschönen Landschaft die sehr zum Wandern einlud, so stellten wir fest dass der „Golden Circle“ sehr voll und kommerzialisiert ist. Im Bereich Þingvellir war das Parken meist kostenpflichtig auf riesigen alsphaltierten Parkplätzen voll mit Busen. Daran sind wir einfach vorbeigefahren, weil wir darauf keine große Lust hatten. Hier stand aber eigentlich schon fest: Das kann nicht unsere letzte Reise nach Island gewesen sein. Wir haben uns entschieden diese „Hauptattraktion“ zu einer weniger besuchten Jahreszeit in Ruhe nachzuholen.

Der Geysir war ähnlich gut gefüllt, jedoch konnte man an dem sehr touristisch anmutenden „Geysir Center“ kostenfrei parken und konnte dann auf angelegten Wegen in das Geothermalgebiet gehen. Und obwohl dies sicherlich die „vollste“ Station auf unserer Reise war hat sich der Besuch wirklich gelohnt. Die Möglichkeit ein Geothermalgebiet diesen Ausmaßes so nah und dennoch so sicher zu erleben ist wohl einzigartig. Der Geysir selbst, der allen eruptierenden heißen Quellen der Erde seinen Namen leiht, ist (derzeit) reichlich unspektakulär neben dem Strokkur in seiner unmittelbaren Nachbarschaft. Dieser lässt in einem Abstand von etwa zehn Minuten eine Fontäne kochenden Wassers bis zu 35m in den Himmel sprudeln, wo es sich auf immer noch heiße, aber ungefährliche Temperatur abkühlt und auf die begeisterte Menschenmenge regnet:

Strokkur, ein einzigartiges Erlebnis

Hier kann man viel Zeit verbringen, da ein schöner kleiner Rundweg zum Wandern durch das Gebiet einlädt. Wegen unserer eingeschränkten Mobilität machten wir uns jedoch weiter in Richtung Gulfoss. Hierzu folgt man lediglich der 35 weiter in Richtung Nordosten, nach sieben Kilometer zweigt eine kleine Straße zum Parkplatz rechts ab. Dort war es allerdings dermaßen voll, dass wir nicht abgebogen sind. Der mächtige Wasserfall steht auf der Liste für einen Besuch in der Nebensaison.

Wir folgten also der 35 weiter nach Norden und bogen nach sechs Kilometern auf die F338 ab.

Die F338

Da das Isländische Hochland auf unserer Liste stand und das Autofahren dort sehr anspruchsvoll ist, bat ich Lutz als erfahrenen Islandreisenden auf dem Campingplatz in Reykjavík um einen guten Einstieg, um mich mit dem Fahrzeug und den Straßenverhältnissen vertraut zu machen. Er Empfahl mir die F338, welche er auch „Stromleitungspiste“ nannte, der Begriff „Linievegur West“ deutet auch etwas derartiges an. Tatsächlich ist die Piste wohl bei dem Bau einer Hochspannungstrasse entstanden und verbindet nun die 35 im Osten mit der 550 im Westen. Auf etwa 48km schlängelt sie sich durch das Geröll und bietet wunderschöne Ausblicke auf das Isländische Hochland und die beiden Gletscher Lanjökull und Þórisjökull. Die tatsächlich allgegenwärtige Hochspannungsleitung hat man dabei schnell vergessen.

Fahrerisch ist die F338 verhältnismäßig leicht und wirklich ein toller und abwechsungsreicher Einstieg in die Welt der F-Straßen. Kurze steile Anstiege, geröllige Abfahrten – und nach wenigen Kilometern bereits die erste, recht beeindruckende Furt:

Geschafft: Die erste Furt.

Nach ziemlich genau zwei Stunden und 48km bogen wir nach rechts auf die 550 in Richtung Norden. Die 550 ist eine Gravelroad, sie ist also nicht asphaltiert und man kann nicht behaupten, dass sie in besonders gutem Zustand ist. Zwar ist das Befahren ohne Allrad hier nicht verboten, etwas Bodenfreiheit sollte man aber durchaus mitbringen.

Nach 18km bietet sich beim Blick nach links die Sicht auf eine traurige Berühmtheit: Den Ok. Früher der Okjökull, hat er im Jahre 2014 offiziell seine Eigenschaft als Gletscher verloren. Eine Folge unseres Klimawandels und ein Mahnmahl, stellvertretend für alle Gletscher, die seinem Schicksal unausweichlich folgen werden.

Nach etwa 11km weiterem Gerumpel kann man nach rechts auf die 551 abbiegen. Diese endet nach sieben Kilometern als Sackgasse am Fuße des Langjökull. Dieser kleine Umweg ist wirklich empfehlenswert, so nah kommt man einem Gletscher mit dem Auto wohl fast nirgendwo (zur Erinnerung: Nana kann auf Krücken leider keine langen Wanderungen unternehmen). Naja, eigentlich endet die Straße dort nicht… Dort ist ein Anbieter für Gletscherexpeditionen mit beeindruckenden Vehikeln ansässig, der dort mit diesen auf den Gletscher fährt. Es war mir möglich, mit dem Jimny diesem Weg für ein paar Meter zu folgen – von ausgedehnten Expeditionen ohne erfahrenen Guide würde ich jedoch ausdrücklich abraten!

Nicht nachmachen: Gletscherexpedition light

Die 551 fahren wir also zurück wie wir gekommen sind und biegen nach rechts auf die 550 ab, um dieser weiter zu folgen. Nach 11km biegen wir nach links auf die 518 in Richtung Husafell. Nach etwa zwei Kilometern konnten wir nach rechts auf das Gelände des Campingplatzes abbiegen. Die Rezeption befindet sich im Hotel.

Diese Etappe war insgesamt 231km lang und bestand aus vielen Stunden Autofahrt. Um etwa 21:30 Uhr kamen wir am Campingplatz Husafell an. Der Platz ist groß, mit angebundenem Hotel und Ferienhaussiedlung und kommt von Ausstattung und Aufmachung einem mitteleuropäischen Familiencampingplatz recht nahe. Die Übernachtung kostete pro Person und Nacht 1500ISK zzgl. 400ISK Platzgebühr, für zwei Personen also 3400ISK, zu diesem Zeitpunkt umgerechnet knapp 25€.

Tag 3:

Am nächsten Morgen weckten uns zarte Sonnenstrahlen auf dem Zelt. Tatsächlich, der Himmel war blau und kurze zeit später genossen wir den ersten Kaffee im T-Shirt vor dem Zelt. In unmittelbarer Nachbarschaft machten wir Bekanntschaft mit einer vierköpfigen Familie aus Deutschland, die mit ihrem Passat per Fähre nach Island gereist waren und gerade aus dem Nordwesten kamen, uns also entgegen reisten. Sie waren zuletzt in den Westfjorden, welche unfassbar schön gewesen wären, besonders toll hätten sie die unzähligen Puffins bei Látrabjarg gefunden.

Puffins? Nächstes Ziel: Látrabjarg!

Zunächst sind wir jedoch vom Campingplatz erst mal nach rechts auf die 518 abgebogen, dort erreicht man nach etwa sechs Kilometern nämlich den „Lavawasserfall“ Hraunfossar. Ein Wasserfall mit einer Breite von etwa 700m, der direkt aus einem Lavafeld zu entspringen scheint. Tatsächlich fließt jedoch ein Teil des Flusses Hvítá unterhalb des Lavafeldes und kommt dort auf wunderschöne Weise wieder ans Tageslicht.

Der Hraunfossar

In unmittelbarer Nähe des Hraunfossar befindet sich der Barnafoss. Hier fließt der Rest der Hvítá in beeindruckender Geschwindigkeit durch eine Felsformation. Der Sage nach war diese Stelle einst von einem natürlichen Steinbogen überdacht, den eine Mutter zerstören ließ nachdem ihre Kinder an Weihnachten von ihm in den Fluss stürzten und dort den Tod fanden. Daher hat der „Kinderwasserfall“ auch seinen Namen.

Düster, beklemmend, beeindruckend: Der Barnafoss

Den Parkplatz verließen wir wieder nach links auf die 578, passierten den Campingplatz und folgten der Straße, die nach etwa 25km zur F578 wird. Etwa fünf Kilometer vorher zweigt nach links eine Piste ab, die zur Surtshellir führt.

Die Surtshellir

Gleich vorab: Der Surtshellir sind wir bei unserem Besuch nicht gerecht geworden. Dennoch ist diese Lavahöhle so besonders, dass ich hier etwas näher darauf eingehen möchte. Vor über 1000 Jahren ergoss sich ein Lavastrom über das Gebiet und bildete ein Lavafeld mit einer Länge von 50km, welches heute Hallmundarhraun heißt. Fließende Lava hat an der Luft die geringste Temperatur, ein Lavastrom erkaltet also sozusagen von außen nach innen. Unter bestimmten Umständen bilden sich dabei Lavaröhren. So auch beim Hallmundarhraun. Eine dieser Röhren ist die Surtshellir, welche knapp zwei Kilometer (1970m) lang ist. Und obwohl sie wohl eine der bekanntesten Lavahöhlen der Welt ist, ist sie touristisch nicht erschlossen. Über blockiges Gestein kraxelt man zum Höhleneingang, Nanas Reise endete an zwei über 1m hohen Felsstufen, die mit Krücken wirklich nicht mehr zu bewältigen waren. Ich ließ mich jedoch herab und stand im Eingangsbereich der Surtshellir. Es sah so aus, als hätte die Lavaröhre hier knapp die Oberfläche tangiert um dann wieder in die Tiefe zu verschwinden, so erkläre ich mir die beiden gegenüberliegenden Öffnungen. Der Boden war so unwegsam, dass der Anschein entstand, dass auch diese Öffnung erst im Nachhinein eingebrochen ist. Steht man nun allein vor diesem dunklen Schlund, aus dem kalte feuchte Luft in Nebelschwaden hinausweht, versteht man schon warum diese Insel der Geburtsort der nordischen Mythologie ist. Und warum sich um diese Höhle viele Sagen ranken, zum Beispiel dass sie als Zufluchtsort von Gesetzlosen gefürchtet war. Wobei tatsächliche Knochenfunde darauf hindeuten, dass in einigen der Sagen vielleicht ein Fünkchen Wahrheit steckt…

Ein Erkunden der Höhle allein und ohne Ausrüstung, insbesondere ohne Lampe, stand außer Frage. Aber Surtshellir, wir kommen wieder!

Der Eingang zur Surtshellir

Der Rest der Fahrt über die F578 verlief ohne weitere Zwischenfälle. Zumindest fast, denn hier haben wir ihn gesehen: Einen Polarfuchs! Im Sommerfell sieht er recht unscheinbar aus, leider war das Teleobjektiv gerade nicht auf der Kamera, aber es war definitiv ein Polarfuchs. Ein weiterer Haken auf der Bucketlist der Tiere in Island.

Auf den 40km bis die F578 wieder zur 578 wird hatten wir lange Zeit einen laaaangsamen Pferdetransport vor uns, Überholen war nicht möglich. Das ist eben so in Island. Dann fährt man halt hinterher. Der 578 folgten wir dann noch 56km bis zur Ringstraße (1). Auf diese sind wir nach rechts abgebogen und nach zwei Kilometern nach links in Richtung Hvammstangi.

Hvammstangi

Nach fünf Kilometern erreichten wir den Ortskern und wollten uns eigentlich nach einer Übernachtungsmöglichkeit umsehen, da es bereits etwa 18:00 Uhr war. Hvammstangi ist ein kleiner klassischer Fischerort mit knapp 600 Einwohnern und liegt am Ostufer des kleinen Fjords Miðfjörður. Den Campingplatz fanden wir auch schnell, er lag östlich des Ortskerns etwa 50m erhöht. Schon aus der Ferne sah man flatternde Planen und wackelnde Zelte. Das Wetter war hier an der Nordküste der Insel kein Vergleich mehr zu dem angenehmen T-Shirt Wetter im Landesinneren: es war grau, es war kalt und es stürmte. Wir haben also im Supermarkt etwas eingekauft, in einem Schnellimbis etwas gegessen und dann erstmals das gemacht, was wir eigentlich immer für eine Übertreibung hielten: Wir sind zu besserem Wetter gefahren.

Also wieder raus aus dem Ort und rechts auf die Ringstraße, weiter in Richtung Westfjorde. Nach 27km gab es nun mehrere Möglichkeiten: Wir hätten nach Norden auf die 68 abbiegen können. Von dort hätten wir entweder die Westfjorde gegen den Uhrzeigersinn umrunden können, oder nach etwa zehn Kilometern nach links auf die 59 abbiegen, um das Gebirge zu queren und die Tour im Uhrzeigersinn zu machen. Wir blieben jedoch noch vier Kilometer auf der 1 und bogen dann nach rechts auf die F586 ab, welche relativ parallel zur 59 über den Berg verläuft und die wir uns als landschaftlich schöner erhofften. Leider können wir das nicht beurteilen, da die gesamten 25km in dichtem Nebel abliefen und daher auch über eine Stunde dauerten. Wenn sich der Nebel jedoch mal lichtete waren atemberaubende Lichtspiele zu beobachten und man wurde sofort wieder katapultiert in das Land der nordischen Sagen und Mythen…

Auf der F586

Am Ende der F586 bogen wir nach rechts auf die 60 ab. Nach etwa zehn Kilometern erreichten wir den Ortskern von Búðardalur und damit auch den dortigen Campingplatz. Bei erheblich besserem Wetter schlugen wir unser Nachtlager auf. Obwohl Hvammstangi von hier gerade einmal 50km Luftlinie entfernt ist war von dem ungemütlichen Sturm nichts mehr zu ahnen.

Die Etappe war wieder knapp 215km lang. Wieder hat die Fahrzeit überwogen, jedoch war in diesem Urlaub der Weg das Ziel. Einerseits kann man aus dem Auto die herrliche Landschaft genießen, andererseits lädt sie auch ein, auf ausgedehnten Wanderungen noch tiefer darin einzutauchen. Dies mussten wir jedoch auf eine Zeit ohne Krücken vertagen.
Der Campingplatz in Búðardalur war der erste ohne Rezeption auf unserer Reise. Er war eher klein, hatte aber Duschen und saubere sanitäre Einrichtung. Abends kam jemand herum und kassierte 1500ISK (knapp 11€) pro Person.

Die ersten drei Tage unserer Reise waren bereits voll mit Erfahrungen und Eindrücken, dass ich nun – beinahe anderthalb Jahre später – immer noch nicht alles verarbeiten kann und mir immer wieder Dinge einfallen, die mir in der Zwischenzeit entfallen waren. Dies sind die Momente im Leben die man im Rückblick fast mit einer gewissen Gleichgültigkeit erlebt, von den Erinnerungen jedoch ein Leben lang zehren kann.

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